Familie und Karriere – ist das vereinbar?

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Mutter arbeitet während sie auf ihr Kind aufpasst
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Politiker versprechen es, die Wirtschaft und oft auch die eigene wirtschaftliche Situation fordern es: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Doch wie sieht es in der Praxis aus, lassen sich Familie und Karriere heutzutage tatsächlich gut vereinbaren? 

Die äußeren Rahmenbedingungen werden besser

Für Männer war die Familie auch früher kein Hindernis auf der Karriereleiter. Im Zweifelsfall war man als Vater eben nur wenig zu Hause, die „Familienzeit“ waren dann vorwiegend die Wochenenden und die Familienurlaube. Problematisch war es von jeher vor allem für die Frauen, die Karriere machen wollten. Die äußeren Rahmenbedingungen bei Jobs waren über viele Jahrzehnte hinweg alles andere als familien– und kinderfreundlich, die Kinderbetreuung während der Arbeitszeit war immer ein Problem. Einmal ganz abgesehen davon, dass man in Deutschland noch bis weit in die Siebziger als Frau die Erlaubnis des Ehemanns vorlegen musste, um überhaupt arbeiten zu dürfen.

Daran hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles geändert: Kindertagesstätten haben ihre Öffnungszeiten vielfach an berufstätige Mütter angepasst und bieten flexible Abholzeiten und lange Kindergartentage an. Unternehmen schaffen immer mehr familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, in einigen Unternehmen ist es sogar möglich, die Kinder mit zur Arbeit zu nehmen. Väter können mittlerweile vielfach auch ohne nachfolgenden „Karriereknickin Elternzeit gehen. Die Rahmenbedingungen für eine mögliche Verbindung von Familie und Karriere auch für Frauen sind also durchaus besser geworden.

Warum Familie und Karriere dennoch schwierig ist

Ein kurzer Blick auf die Situation zeigt, dass es zwar mittlerweile deutlich mehr Angebote gibt als früher – aber bei Weitem nicht genug. Es fehlt immer noch vielerorts an einer ausreichenden Zahl von Kita-Plätzen und Betreuungsmöglichkeiten. Individuelle Möglichkeiten von Arbeitgebern gibt es ebenfalls zu wenige – die meisten Arbeitgeber sind eher zögerlich, wenn es darum geht, familienfreundliche Arbeitszeiten oder gar Betriebskindergärten einzurichten und Unternehmensabläufen entsprechend anzupassen. Bei vielen Unternehmern scheint sich immer noch die Frage zu stellen, ob sich das tatsächlich lohnt.

Wenn es Angebote gibt, dann gelten sie meist nur für höher qualifizierte Jobs im Unternehmen. In den unteren Rängen ist es nahezu ausgeschlossen, eine familienfreundliche Vereinbarung über die Arbeitszeiten mit seinem Arbeitgeber zu treffen oder individuelle Gleitzeiten zu nutzen.

Video: Familienmodell – Eltern zwischen Kind und Karriere | Doku | SRF DOK

Ein weiteres, großes Problem, das in diesem Zusammenhang nicht unbeachtet bleiben darf, ist die starke Zunahme von befristeten Arbeitsverträgen. Insbesondere jüngeren Menschen, die noch am Beginn ihrer Karriere stehen, werden häufig nur befristete Arbeitsverträge angeboten. Das ist jedoch genau die Zeit, in der Menschen über ihre Familienplanung nachdenken. Befristete Arbeitsverträge schaffen gerade für junge Familien viel finanzielle Unsicherheit und stellen die Möglichkeit eines reibungslosen Wiedereinstiegs in den Beruf stark in Frage. Die kaum vorhandene Planungssicherheit lässt viele Paare dann von ihrem Kinderwunsch zunächst einmal absehen.

Die notwendige Kinderbetreuung verursacht zudem oft noch eine schwere Belastung, besonders dann, wenn es um längere Dauer oder um unübliche Tageszeiten geht. So flexibel wie Arbeitnehmer manchmal sein müssen, sind Kindertagesstätten längst noch nicht. Wenn nicht ab und an Verwandte einspringen, wird die Kinderbetreuung außerhalb der regulären Kindergartenzeiten oft schnell so teuer, dass sich die Berufstätigkeit kaum mehr lohnt.

Dazu kommt in jedem Fall ein Faktor, den man keinesfalls unterschätzen sollte: die Doppelbelastung, vor allem für die berufstätigen Mütter. Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Zuwendung, die meisten Jobs stellen heute hohe Ansprüche an Arbeitnehmer. Die Arbeitszeit, die der Unternehmer teuer bezahlen muss, soll auch möglichst produktiv genutzt werden. Wer auf der Karriereleiter nach oben steigen will, muss zudem auch noch Fortbildungen absolvieren und nicht selten auch Mehrarbeit und längere Arbeitszeiten leisten.

Am Ende des Tages bleibt dann – selbst im fair geteilten Haushalt – noch genug Arbeit übrig, die Kinder fordern dann ebenfalls die Aufmerksamkeit ein, auf die sie tagsüber verzichten mussten. Das alles kann schnell dazu führen, dass auf berufstätigen Frauen ein enormer Druck lastet, das alles schaffen zu müssen – während der Terminkalender schon längst aus allen Nähten platzt. Nicht jeder hält dieser massiven Belastung auf Dauer Stand – wenn es in einem Bereich Probleme gibt, bröckelt häufig schnell das gesamte so exakt getaktete Konstrukt. Es fehlen einfach die notwendigen Reserven: an Zeit, an Kraft, an Mitteln.

Zunehmende Digitalisierung als Chance

Wir stehen noch am Anfang der Digitalisierung – im digital eher rückständigen Deutschland vielleicht sogar noch ein paar Schritte davor. Es zeichnet sich aber schon jetzt ab, dass das Fortschreiten der Digitalisierung höchstwahrscheinlich viele weitere Fortschritte im Bereich der Vereinbarkeit von Familie und Karriere bringen könnte. Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie die Weichen hierzulande gestellt werden – und ob man die Bedürfnisse junger Familien erkennt und versucht, ihnen gerecht zu werden.

Unsere Arbeitswelt ist schon jetzt im Umbruch – in Zukunft stehen noch weitaus größere Veränderungen an. Online-Selbständigkeit gehört heute bereits zu den realen Möglichkeiten und nicht mehr zu den Utopien in der Arbeitswelt. Viele Jobs entwickeln sich auf digitale Weise weiter und machen nicht mehr zwingend eine Anwesenheit an einem Arbeitsplatz nötig. Wenn die Regierung die Entstehung und die Verbreitung von Tele-Arbeit mit Nachdruck fördert, könnte das die Möglichkeiten für eine Vereinbarkeit von Familie und Karriere enorm fördern. Sowohl das Potenzial dafür als auch die technischen Möglichkeiten stehen heute bereits zur Verfügung.

Tele-Arbeit muss allerdings von Anfang an zu fairen Bedingungen reguliert werden – Unternehmen dürfen nicht in Versuchung kommen, Heimarbeit vor dem Computer als „billige“ Alternative zu echten Arbeitskräften zu sehen.

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Im Gegenzug sollte aber auch der besonders in Deutschland so verhängnisvolle Drang, alles mit kleinlichen Vorschriften und Regelungen möglichst kaputtzuregulieren und zu kontrollieren, in diesem Bereich am besten eher hingehaltenen werden. Es gibt keinen Grund dafür (wie jetzt) jedem Arbeiter im Home-Office grundsätzlich vorzuschreiben, dass er übliche Bürozeiten und Pausenregelungen grundsätzlich einzuhalten habe. Es macht keinen Sinn, überholte Regelungen auf neue und ganz andersartige Arbeitsformen anwenden zu wollen – es muss neue, angepasste Regelungen geben, die den Bedürfnissen aller Beteiligten, auch junger Familien, möglichst gut gerecht werden. Auch über bereits diskutierte Modelle einer flexiblen Lebensarbeitszeit sollte man in diesem Zusammenhang noch einmal gründlich nachdenken.

Auch die Kinderbetreuung muss sich flexibilisieren und Strategien entwickeln, um sich neuen Arbeitszeitmodellen und Arbeitsformen möglichst gut anzupassen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Neben die ganztägige „Aufbewahrung“ im Kindergarten müssen neue, zeit-flexible Angebote treten, die von Eltern individuell genutzt werden können. Dabei dürfen die Kinder nicht zu kurz kommen – wenn es um unsere Zukunft geht, sind sie immer noch unser wichtigstes Potenzial.

Schaffen wir das alles, wird die Vereinbarkeit von Familie und Karriere in der nahen Zukunft einen weiteren, großen Schritt nach vorne machen können und viele der heute noch bestehenden Belastungen vor allem für Frauen werden deutlich kleiner werden.

Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere verbessert sich stetig

Seit den Zeiten, wo Frauen kaum viel übrig blieb, als eben Hausfrau und Mutter zu sein, haben wir bereits einen riesigen Schritt nach vorne getan. Theoretisch bestehen heute bereits Möglichkeiten, Familie und Karriere gut zu vereinbaren – in der praktischen Umsetzbarkeit hinkt das allerdings noch etwas.

Die Digitalisierung bietet eine enorme Chance, noch einmal einen weiteren, großen Schritt nach vorne zu machen – allerdings müssen dafür auch Rahmenbedingungen in der digitalen Arbeitswelt geschaffen werden, die vor allem auch auf junge Familien und ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Dann wird die Vereinbarkeit von Familie und Karriere vielleicht in Zukunft tatsächlich eine Selbstverständlichkeit, die niemand mehr in Frage stellt.

Titelbild: © iStock – RossHelen

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Michaela Lieber

Seit Maximilian am 12. März 2010 das Licht der Welt erblickte, hat sich in meinem Leben viel verändert. Diese Erfahrungen teile ich gern. Als Redakteurin in meiner täglichen Arbeit, wie im privaten Umfeld.

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